Lebenskünstler sind Menschen,
die nicht nur Zeit für das Notwendige,
sondern auch für das scheinbar Überflüssige haben.

  • Atom Feed
  • RSS Feed
  • Danke, Kunden und Verbraucher, dass ihr meine Existenz seid

    Es gibt unfreundliche Menschen. Es gibt unfreundliche Menschen, bei denen du beim ersten Zusammentreffen weißt, dass sie unfreundlich sind. Es gibt unfreundliche Menschen, die sind einfach unfreundlich ohne Grund. Und es gibt unfreundliche Menschen, bei denen du hoffst, dass sie es nicht sind, weil ihr Beruf eine Unfreundlichkeit im Umgang mit Kunden dies eigentlich nicht zulassen dürfte, und sobald sie den Mund aufmachen und sprechen, merkst du, sie sind unfreundlich und jegliche Hoffnung auf ein freundliches Wort schwindet im ersten Moment der Begrüßung, wenn dieser unfreundliche Mensch dir gegenüber es überhaupt für richtig hält, dich zu begrüßen. Man erwartet solch’ eine freundliche Begrüßung zum Beispiel in einem Kiosk. Oder an einer Wurstbude, oder wenn man einen Pizza-Lieferservice anruft. Oder wenn man Kunde bei einer großen, monopolisierten Transportmacht in Bremen werden möchte, also noch gar keiner ist. Die aneinandergereihten Buchstaben (oh ja, Kürzel sind in Mode) könnten auch für Böse-SachbeArbeiter-Gruppe stehen. Passen würde es allemal.

    Gut gelaunt betrittst du das KC (Kürzel für Kunden-Center), mit einem Lächeln im Gesicht stellst du dich hinten an und wartest. Wartest noch ein bisschen. Und noch ein bisschen. Dann kommst du dran, in freudiger Erwartung dein Anliegen hervorzubringen, in der Hoffnung auf Hilfe, auf Beistand, auf Anhörung deines Problems und abschließend die Lösungsfindung, schließlich haben die Mitarbeiter Ahnung von dem, was sie tun. Zumindest glaubst du fest daran, in diesem Moment, wo du lächelnd auf den Mitarbeiter zugehst und ihm ein freudiges ‘Guten Tag’ entgegen tönst. Nichts. Du wartest etwas länger, fügst ein lächelndes leichtes ‘Hallo!’ hinzu und… Sein Blick verrät dir mehr als eintausend bösartige Blicke zusammen von einem sonst freundlichen Menschen!!! Deine Hoffnung auf ein beratendes Gespräch verschwindet langsam aus deiner Idealvorstellung eines sachkundigen Sachbearbeiters. Du denkst, gut, lässt dich nicht beirren und bringst dein Anliegen vor. „Ich bräuchte eine Kundenkarte.“ Du bemerkst, wie das Böse in deinem Gegenüber erwacht, erntest einen genervten Blick des Todes und Verderbens und selbst dein Lächeln erfriert im Vis-a-Vis des Grauens. „Warum? Schüler, Student, Azubi?“

    Wow, die Kammer des Schreckens in Form eines Menschen kann sprechen. Und genervt gucken. Und das sogar fast gleichzeitig. Die Augen verdrehen sich erst, als du deinen Mund zum Sprechen öffnest, eingeschüchtert sagst: „Für einen ganz normalen Erwachsenen, damit ich mir eine Monatskarte kaufen kann,“ und ein Zittern in dir bemerkst. Dir wird warm, kalt, lauwarm, eiskalt. Und du weißt, du kannst nicht gehen, weil du gelernt hast, höflich und freundlich zu sein und ein Gespräch vernünftig zu beenden, bevor du gehst und letztlich bleibt dir schließlich auch keine andere Wahl, wenn du in Bremen von A nach B kommen möchtest und weder das Fahrrad nehmen, noch ein Auto benutzen möchtest. Die Gründe lasse ich hier mal außen vor. Darum geht es nicht. Exkursion Kant: Deine Moral ist größer als dein Trieb, also ist deine Höflichkeit, zu bleiben, sehr viel ausgeprägter, was demnach bedeutet, dass dein Über- Ich dein Es dominiert, dein Ich handelt daraufhin und du dankst tief in deinem Inneren Frau K. aus B. vom Gym L. in L. für die lehrreichen Stunden Werte/Normen. Das lenkt dich ab von dieser unfreundlichen Person. Homo Homini Lupus, fügst du in deinen Gedanken an.

    Der Rest des Gesprächs beginnt so schnell und endet so schnell wie ein Express-ICE in Richtung Unfreundlichster-Ort-des-Universums-und-darüber-hinaus: „Da kommen Sie hierher? Für ‘ne Monatskarte brauchen Sie keine Kundenkarte!“ – „Nicht?“ – „Nein!“ – „Ich habe vorhin beim telefonischen Kundensupport angerufen und der meinte, ich müsse eine Kundenkarte beantragen, gerade auch dann, wenn ich umziehe ins niedersä-.“ Verstummung. Ein Blick, der all’ deine weltverbesserlichen Ideale von einer freundlichen, umsichtigen und rücksichtsvollen netten Kundenberaterspezies auslöscht. Der Blick des Todes. Du denkst dir im Stillen, dass dieser Kundenserviceberater sicher eine Schulung zum Thema: Blick des Todes, besucht hat und das bringt dich zum Lächeln. Fast. Seine Stimme ertönt, sicher auch eine Stimme des Todes. „Sie brauchen keine. Verstehen Sie das?“ Nun, er mag recht haben. Du nickst kleinlaut, sagst höflich „Danke, schönen Tag noch,“ und erntest einen weiteren Blick des Todes. Der dritte schon. Plus die Stimme des Todes. Du bist also schon dreimal gestorben und einmal sind deine Ohren gestorben, während dieses Gespräches und so fühlst du dich auch. Ausgelaugt. Verwirrt. Und verzweifelt. Denn du hast gemerkt, dass dieser Kundenserviceberater, wie so viele andere Kundenserviceberater der Dienstleistungsbranche, definitiv nicht sozial umweltverträglich ist. Gut, er hat wahrscheinlich den schwersten Beruf der Welt: er muss auf seinem Stuhl sitzen, denken, reden und die richtigen Formulare heraussuchen – und das alles hintereinander. Grausam.
    Wo ist Ver.Di, wenn die wirklichen Probleme der wirklich hilfesuchenden Mitarbeiter auftauchen? Wo nur?

    Doch…

    …. auch bei aller Liebe den Menschen gegenüber, jeglicher Rücksichtnahme auf alle unglaublich schwer arbeitenden Sachbearbeiter deutscher Bus- und Bahnlinien, die jeden Tag auf ihrem Stuhl hinter einer Glasscheibe schuften müssen, Menschen helfen müssen, sie beraten… so geht das nicht! Diese Kundenservicemitarbeiter erbringen eine Dienstleistung, oder sind dazu angewiesen, diese zu erbringen und wir als Kunden bezahlen diesen Service doch meist recht gut. Ohne uns Kunden, die sich eben nicht ins Auto setzen oder Bus und Bahn fahren müssen, wären die Gehälter dieser hart arbeitenden Männer und Frauen, die physisch und psychisch an ihre Grenzen stoßen, nicht die, die sie sind. Danke, Kunden. Und mit einem Lächeln fühlt man sich angenommen als Kunde, der ja nicht einmal ein kleines Danke erwartet. Ohne uns Verbraucher läuft nun einmal nichts in der Face – to – Face Dienstleistungsbranche, jeder Kleinunternehmer ist auf uns angewiesen. Der Kioskbetreiber, der Kundenserviceberater, die Tankstellenmitarbeiterin. Die Verkäuferin in der Boutique. Und dafür, dass wir als Kunden diese Menschen finanzieren, haben wir uns doch ein wenig Freundlichkeit und Zuhören verdient. Nur ein wenig mehr, wenn denn überhaupt noch etwas davon vorhanden ist. Minimal. Vielleicht ein minimalisiertes, auf’s minimalistischste beschränkte angedeutete, im Sinne einer Ahnung erkennende Lächeln? Nur ganz leicht. Und das mit den freundlichen Worten folgt dann. Man darf solche Menschen schließlich auch nicht überfordern, und so das Gegenteil bewirken. Wir Kunden sind quasi die Existenzen anderer Menschen, und genau dieses Bewusstsein sollte wieder in den Köpfen sich quälender Mitarbeiter wiederfinden. Ich habe ein Anspruch darauf, mich als Verbraucher wohl zu fühlen und mit einem Lächeln begrüßt zu werden und vor allem – freundlich behandelt zu werden.

    Ich bezahle dafür. Und das in der heutigen Zeit meist nicht gerade wenig. Ein Lächeln in den Arbeitsverträgen der Dienstleistungsbranche, bitte.

    Danke, dass es euch gibt, Kunden und Verbraucher.

    Was geschieht in der Welt.

     

    Freunde

     

    Sie schauen nur dumm vor sich hin, ins Nichts, und trotzdem fühlt sie, dass sie sie bemitleiden. Rosa runde flauschige Köpfe strecken sich ihr entgegen, kleine süße Knopfaugen blicken sie verstört an, große Pfoten versuchen, sie zu befreien. Inmitten der um sie herum liegenden Kuscheltiere liegt sie da. Still, zart, zerbrechlich, nackt. Sie guckt in ihre Augen, ihre Gedanken kreisen und sie hört sich selbst, ihre eigene leise Stimme im Kopf. Sie singt. Sie singt das Lied, dass sie ihren Kuscheltieren immer vorsingt, ganz leise, damit sie neben ihr behütet jeden Abend einschlafen. Sie wünscht sich, dass sie schlafen, jedes mal versucht sie, sie ins Träumen zu singen, damit sie von Glückseligkeit und bunten Ponys träumen. Doch sie gucken nur dumm aus ihren runden kleinen und großen Knopfaugen. Es vergehen Minuten, gefühlte Stunden, gefühlte Tage, die eigentlich nicht vergehen wollen.

    Zumindest für ihn.

    Zumindest für die Minuten, die er auf ihr liegt. Er versenkt seine breiten haarigen Finger in ihr, erst einen, dann zwei, und sie schweigt und schluchzt und singt. Der nächste Griff ergreift ihre Brüste, die noch nicht da sind, nur zu erahnen, doch er findet sie auf dem zierlichen Körper und drückt zu. Die nächste Träne gleitet ihre Wange hinab, ins weiche Kopfkissen. Sie summt und schweigt, als er seinen harten Schwanz in sie versenkt. Ein Stoß, der zweite schon tiefer, der dritte lässt sie erschauern. Er stützt sich ab, auf ihr. Sein Gewicht belastet sie. Er stöhnt, stößt zu, stöhnt. Fickt sich in Ekstase, und spritzt in sie ab. Sein Körper ruht auf ihrem, schwer ist er und sie zittert. Sie zittert jedesmal. Sie zittert wenn es anfängt, wenn es aufhört, und dazwischen, wenn sie nur seine Stimme hört. Er lässt sie liegen. Sie weint, summt, singt und zieht sich die kuschelige, weiße Decke über ihren nackten, zitternden Körper. Ihre Kuscheltiere kommen näher, sie werden von ihren zierlichen Fingern herangezogen, jedes einzelne. Und sie ist ihnen nicht böse, weil sie nur dumm aus ihren rosa runden Köpfen mit den kleinen und großen Augen schauen. Sie ist ihnen nicht böse, denn sie weiß, sobald es vorbei ist, sind sie für sie da. Weich, flauschig, kuschelig. Bis zum nächsten Mal, wo sie wieder nur zuschauen. Sie müssen. Es bleibt ihnen keine andere Wahl.

    Dein Solo in meinem Leben?

    Du hast versucht, auf mir zu spielen. Jedoch hat dein Unwissen meine Saiten zerstört, deine groben Finger meine Klänge verhärtet, deine Nichtbeachtung mich verstauben lassen. Dein Ton machte letztlich die Musik, ich war nur ein Accessoire, dein Instrument, mit dem du nicht umzugehen wusstest. Du verstecktest dich hinter all’ meinen Klängen, wenn es ernst wurde und hast mich weggestellt und meine Klänge verstummen lassen, wenn du glänzen wolltest.

    Jetzt endlich bin ich wieder das Konzert und du nur ein kleiner Statist in meinem Orchester. Eine Geige unter vielen und schon gar nicht mehr die erste.

    Dein Solo hast du eindeutig verspielt.

    Vergisst du’s?

    Vielleicht vergisst du,
    beim Sammeln vieler Steine,
    die dir auf deinem Weg begegnen,
    nach diesem Diamanten zu suchen, der
    dich anstrahlt, der dich sucht, der versucht,
    dich mit seinen Ecken und Kanten zu verzaubern,
    zu überzeugen, von sich und seiner Schönheit und
    dich mit seinem Glanze umwirbt, anwirbt, dich verführt.

    Vielleicht vergisst du,
    beim Wühlen zwischen Scherben,
    nach diesem Diamanten zu suchen, dem
    es nicht gleichgültig ist, ob du dich verletzt,
    dir Kratzer zuziehst,  während du dich bemühst,
    an den Kanten schneidest, schreist, dich windest,
    der sich um dich sorgt, wenn du blutest und leidest,
    und dich vermisst, während du seine Nähe vermeidest.

    Der Charakter vom Neid

    Ich definiere:

    Neid – Gefühl, das sich auf materielle Objekte bezieht.
    Eifersucht – Gefühl, das sich auf Persönlichkeiten bezieht.

    Beide Gefühle sind im Grunde jedoch gleich. Es wird einem bewusst, dass jemand, dem man nicht nahe steht, etwas besitzt, das man selber nicht besitzen kann. Das Problem dabei ist nur – und dadurch definiert sich das Gefühl – dass man diesen Besitz ebenfalls unbedingt will. Man gibt sich der Illusion hin, dass man diesen Besitz braucht, um genauso zufrieden zu werden, wie die fremde Person. Das ist eine grausame Spirale: Einerseits transferiert man die neu gewonnene Zufriedenheit des Fremden auf die eigenen Bedürfnisse und den individuellen Maßstab. Andererseits steigert sich auch die Missgunst, die diese unerreichte Zufriedenheit auslöst – dadurch entstehen Vorurteile und demnach auch das Verlangen, diesen Fremden nicht kennenlernen zu wollen, was wiederum eine Kluft zwischen dem Zufriedenen und dem Unzufriedenen herstellt, sodass kein Kompromiss gefunden werden kann, denn man glaubt es kaum, doch viele Menschen teilen ihren emotionalen Reichtum gerne mit anderen, weil es sie selber erfreut.

    Ist es jedoch eine Person, die jemandem nahe steht, zu der man eine gewisse Zuneigung hegt, dann spürt man diese Gefühle nicht mehr. Man gönnt seinem Freund diesen Besitz, man erfreut sich an seiner Freude und Zufriedenheit, weil man weiß, dass man an dieser Freude aktiv teilhaben darf.
    Es gibt Menschen, die erfreuen sich vollkommen daran, anderen Menschen eine Freude zu bereiten. Sie lieben das Gefühl, andere Menschen, die es ihrer Meinung nach absolut verdient haben, glücklich zu machen. Und – und das zeichnet sie ganz besonders auf – sie erwarten nichts als Gegenleistung, sondern gehen darin auf, die Erkenntnis zu haben, jemand anderen glücklich werden zu lassen durch ihr Zutun. Es reicht ihnen, zu wissen, dass diejenigen Menschen, die sie glücklich gemacht haben, existieren und immer für sie da sind.

    Manchmal jedoch, ja, manchmal – da sitzen auch sie in ihrem Zimmer und weinen. Sie weinen, weil es eben doch nicht reicht, sich ständig nur für andere aufzuopfern und die eigenen Wünsche zurückzustellen. Denn keiner merkt, dass man selbst auch zufrieden und sogar glücklich werden möchte, wenn alle anderen um einen herum ebenfalls vor Glückseligkeit strahlen. “Mach glücklich, was dich glücklich macht.” – Bedingungslos?

    Und manchmal, da fragt man sich, ob Neid nicht doch angebracht ist. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine gewisse Apathie und Traurigkeit gegenüber der Zufriedenheit der anderen,- man kann sich einfach nicht mehr in dem Maße daran erfreuen, wie man es gerne würde.

    Man hat das Gönnen und die daraus resultierende Freude verlernt, weil man selber nichts besitzt, auf das andere Menschen neidisch sein könnten. Immer gönnt man, und gönnt man, und man selbst bleibt zurück.

    Man verlernt es, sich mitzufreuen, da man schon lange selber keine wirkliche eigene Freude mehr gespürt hat. Man vergisst das Gefühl des Glücks und wenn es dann da ist, dann reicht es einem nicht – andere sind schließlich noch ein wenig zufriedener. Der eigene Maßstab wird, je mehr man von fremder Zufriedenheit und Freude umgeben ist, immer weiter nach oben gesetzt – man will Anschluss haben und es kommt einem lächerlich vor, sich über kleine Dinge zu erfreuen, auf die ein anderer überhaupt nicht neidisch sein kann, da es nach seinen Maßstäben keinerlei Grund für ein Mitfreuen gibt.

    Und daraus muss man ausbrechen. Man muss sich an den kleinen Dingen des Glücks erfreuen, die man in seinem Maßstab gesetzt hat, und es vollkommen vermeiden, Neid bei anderen hervorrufen zu wollen. Denn dadurch kann man niemals glücklich werden.

    Im Grunde richtig

    In der Bahn.
    Ein Gespräch zwischen zwei etwa 18jährigen Typen.
    Das lief’ ziemlich genau so ab:

    - “So, also jetzt sach an, zu dir oder in die Stadt?”
    “Ey keine Ahnung, lass mal in die Stadt. Guck mal, ‘s voll warm draußen, wir müssen in die Stadt.”
    – “Hää? Heißt warm, dass man in die Stadt muss?”
    “Nee, aber man, guck mal, bei mir ist nichts!”
    – “Aber in der Stadt is mehr oder was?”
    “Ja sicher, zumindest ein paar Frauen in kurzen Röcken und nackte Beine.”

    Wo er recht hat :)

    Der Maßstab aller Dinge

    Ich habe vor kurzer Zeit ein anregendes Gespräch mit einer für mich sehr inspirierenden Person geführt, die es schafft, mir Denkanstöße zu geben.

    Im Vergleich zu meiner finanziellen, sozialen und privaten Situation sei es lächerlich, dass sie sich über ihre meist nur kurzzeitigen Steitereien und Probleme mit ihrer Familie und in ihrem Umfeld aufrege und diese Probleme sie stören. Bemessen an meiner Situation sei diese “Aufregung jedoch vollkommen übertrieben und überflüssig und sowieso unnötig”, da ich es doch viel viel schlechter hätte als sie und sie es sich eigentlich nicht anmaßen dürfte, sich über sowas eigentlich banales aufzuregen.
    Aber sie tat es und das meiner Meinung nach auch zu Recht.

    Diese Schuldgefühle sind normal, wenn man mit jemandem Kontakt hat, den es schlechter getroffen hat. Sei es, dass er keine Familie hat, finanziell um jeden Cent kämpfen muss oder ähnliche Problematiken in seinem Leben berücksichtigen muss, die vielleicht nicht direkt durch ein Gespräch oder ein paar Stunden Ruhe zu lösen sind. Das Leid, was auf der Welt herrscht – seien es Hungernöte oder Kriegszustände, politische Verfolgungen, Lebensumstände, die wir uns hier im reichen und sicheren Deutschland nie wirklich vorstellen können und wir uns das meiner Meinung nach auch nicht einmal annähernd anmaßen dürften – ist häufig ebenfalls ein Grund, dass wir Schuldgefühle haben. Darum spenden wir,- um unser Gewissen zu reinigen und – und das ist viel mehr der Grund – weil wir deren (in unseren Augen) Leiden an unserem eigenen Lebensmaßstab und Lebensstandard messen.

    Aber müssen wir das wirklich?
    Nein, absolut nicht. Jeder Mensch lebt im Rahmen seines eigenen Maßstabes und gewöhnt sich auch an diesen. Das bedeutet, dass derjenige, der sich über einen kleinen familiären Streit enorm aufregt, sich einen anderen Maßstab in diesem gewöhnlich stabilen familiären Umfeld setzt als derjenige, der ohne Eltern aufgewachsen ist.

    Wir maßen uns heutzutage allesamt an, darüber urteilen zu können, was andere Bevölkerungen, Kulturen und Standards wirklich brauchen, um mit uns mithalten zu können. Wir wollen sie an unserem individuellen Maßstab anpassen, um unser Gewissen zu beruhigen. Das ist reiner Egoismus. Natürlich ist es sozial, seine Hilfe zu leisten, in dem man spendet, Grundnahrungsmittel sichert, Subventionen und Hilfsgüter in die armen Länder schickt, – aber auch das ist bemessen an unserem Überfluss, den wir hier in Deutschland pflegen. Die Menschen dort messen ihr zukünftiges und gegenwärtiges Leben an ihren vergangenen Lebensstandards, an die sie sich gewöhnt haben und deswegen sind übertriebene Schuldgefühle auch nicht angemessen.

    Um das nochmal auf die Szene oben zurückzukommen – auch ich habe ihr daraufhin gesagt, dass ich mich eben an meine Situation gewöhnt habe und sie absolut kein schlechtes Gewissen haben braucht. Ihr Maßstab ist in diesem Fall eben, dass es sonst kaum Problematiken in ihrer Familie gibt und ein Streit eben die Ausnahme darstellt und deswegen für sie so dramatisch und aufregend erscheint – ich für meinen Teil setze in der Form eben einen Maßstab, der Familie in gewisser Hinsicht nicht mehr berücksichtigt.

    Es gibt immer jemandem, dem es schlechter geht als einem selbst. Die Kunst dabei ist nur, zu erkennen, dass jeder für sich einen individuellen Maßstab in seinem Leben setzt und sich mit diesem (meistens) auch identifiziert. Das muss man verinnerlichen und vorallem auch bei seiner Gewissensbildung berücksichtigen.

    Momente

    Es mutet einfach nur traurig und lobend zugleich an, wenn jemand sich für eine einfache Auskunft nach dem richtigen Bus überschwänglich bedankt und man schließlich zu hören bekommt:

    “Sie sind aber nett!”

    Vielen Dank.

    Aber ist das nicht eine Selbstverständlichkeit seinen Mitmenschen gegenüber?

    Verlangen

    Du hältst mich fest in deinen Venen,
    hältst mich fest in deiner Macht.
    Vereinnahmst mich in deinen Sporen
    und besitzt mich Tag und Nacht.

    Ich verliere mich in deiner Gier.
    Planlos suche ich das Ziel.
    Verirre mich auf deinen Wegen,
    und alle Wege führen zu dir.

    Du bist die eine Sucht,
    die Sucht, die mich verrückt.
    Arrangierst mich in dein Leben,
    und lässt mich abhängig zurück.

    Ich füge mich als Accessoire.
    Golden stehe ich neben dir.
    Verlangst nach meiner Disziplin,
    damit du dich nach mir verzehrst.

    Worte über Worte

    Es gibt Worte bedeutendster Menschen, die einem im Kopf bleiben. Worte, die weitreichend sind, die trotz ihrer Minimiertheit soviel Aussage besitzen, dass darüber nachgedacht werden sollte. Worte, die man sich zu Herzen nehmen sollte, die das Leben bereichern können. Worte, die, wenn sie angewandt werden, Spannungen abbauen, das Leben verbessern – und durch den Alltagsgebrauch disqualifiziert werden. Die wenigsten beherzigen solche Worte jedoch. Sie lassen die Aussagen ungenutzt durch ihren Kopf fließen als seien sie Luft. Von einem Ohr durch den Hohlraum ins andere und dort hinaus – und weg. Worte, die die Welt bedeuten könnten, wenn man sie auf sich zulässt und minimalisiert darüber nachdenkt. Es braucht meist nicht mehr, um der Bedeutung einen Sinn zu geben.

    Es sind kleine Worte, dahingesagt. Worte, über die sich nie jemand großartige Gedanken macht. Sie würden jedoch, bei genauerer Betrachtung, eine enorme Wirkung auf das alltägliche Leben mit sich bringen. Nur leider, und das ist häufig bei kleinen, aber sonst qualitativ wertvollen Worten die Missgunst: es merkt keiner. Niemand bemerkt, welche weitreichenden Folgen Worte mit sich bringen, die, einmal gesagt, schon wieder verflogen und vergessen sind.
    Zu allererst sollte man differenzieren: wer nun denkt, ich spräche von den philosophischen Meistern wie Kant, Nitzsche oder sonstigen historischen Wortakrobaten, täuscht sich. Ich spreche von dem Zauber der alltäglichen Worte. Worte, die man jeden Tag hört – die ins Ohr fließen, kurz erhört werden und verschwinden, jedoch soviel auslösen könnten. Ganze Lebensstile könnten umgekrempelt werden, würde man Worte vermehrt auf eine persönliche Goldwaage legen.

    Meist sind es nicht einmal Metaphern oder Neologismen, die uns im Alltag begegnen und über die wir uns erst noch weitreichende Gedanken machen müssen, um ihren tieferen Sinn zu erkunden. Es sind keine schwierigen Wortzusammensetzungen, keine Fremdwörter, keine verschachtelten Sätze mit vielen, vielen Kommas, die das Lesen und Verstehen erschweren. Es sind die alltäglichen Worte, vergleichbar wie der verbale ‘Gute Morgen’, wie ein kleines ‘Gesundheit’, welches als Wort übrigens, wie oben beschrieben, sehr viel Nähe in sich trägt. Wer würde einem fremden Menschen im sozialen Umfeld schon einfach so eine Portion Gesundheit wünschen: „Herr Busfahrer, ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit. Schönen Tag noch und alles, alles Gute.“ Der Busfahrer wäre sehr erfreut über diese Empathie eines Fremden (zumindest, wenn er selbst ein freundliches Gemüt hat), über diese Freundlichkeit und Aufmerksamkeit bei soviel Missgunst, Neid und Krieg auf der Welt. Es wird ihm sicher ein Lächeln auf die Lippen zaubern.
    Worte im alltäglichen Gebrauch sind ein ständiges Geben und Nehmen von Aufmerksamkeiten, schaffen Nähe und Verbundenheit. Die Worte, die dazu gebraucht werden, können soviel auslösen in einem Menschen, seinen Tag erhellen, würde er nur über die wahre Bedeutung dieses ausgesprochenen Wortes eines anderen, vielleicht Fremden, nachdenken.

    Ein Lieblingsmensch von mir, den ich sehr schätze, sagte mir einmal zwei Worte. Zwei Worte, die er auslebt. Er ist die Ruhe in Person. Er ist derjenige, der in Stuttgart als ruhender Pol zwischen Schlichtern und Streitern agieren könnte. Er würde sich hinlegen und erstmal schlafen – danach sähe die Welt schon ganz anders aus.
    Er sagte die Worte öfters zu mir, noch einmal und noch einmal. Zuerst nahm ich sie hin, zwei typische Worte sind es für Menschen in meinem Alter. Ein Anglizismus, der jedoch, nachdem ich mich vermehrt damit befasste, einen tieferen Sinn für mich ergab. Zwei Worte, die auf mich abgestimmt waren, die meine Euphorie, meinen Stress, welchen ich ab und an an den Tag legte oder meine Ungeduld im Keim erstickte, sobald ich sie hörte. Viel mehr als diese zwei Worte brauchte es ab dem Moment, wo ich die Erkenntnis erlangte, nicht mehr, um mich zum runterkommen zu bewegen und meine Nervosität abzulegen. Die mir Ruhe einflößen, die mich den Stress vergessen und tief durchatmen lassen. Jeder gestresste, nach Plänen lebende und durch Terminen festgelegte lebensferne Mensch sollte sich über die Bedeutung dieser zwei Worte einmal tiefergehende Gedanken machen und den Sinn dahinter für sich persönlich erkennen. Auch wenn dieser Moment der Umsetzung des Sinns schnell vorbei ist – jeder braucht ihn, einen verbalen Ruhepol, womit er in stressigen Situationen runterkommt und alles überdenkt. In diesem Sinne, liebe Welt:

    Chill’ mal.