Worte über Worte

by VivaVivaldi

Es gibt Worte bedeutendster Menschen, die einem im Kopf bleiben. Worte, die weitreichend sind, die trotz ihrer Minimiertheit soviel Aussage besitzen, dass darüber nachgedacht werden sollte. Worte, die man sich zu Herzen nehmen sollte, die das Leben bereichern können. Worte, die, wenn sie angewandt werden, Spannungen abbauen, das Leben verbessern – und durch den Alltagsgebrauch disqualifiziert werden. Die wenigsten beherzigen solche Worte jedoch. Sie lassen die Aussagen ungenutzt durch ihren Kopf fließen als seien sie Luft. Von einem Ohr durch den Hohlraum ins andere und dort hinaus – und weg. Worte, die die Welt bedeuten könnten, wenn man sie auf sich zulässt und minimalisiert darüber nachdenkt. Es braucht meist nicht mehr, um der Bedeutung einen Sinn zu geben.

Es sind kleine Worte, dahingesagt. Worte, über die sich nie jemand großartige Gedanken macht. Sie würden jedoch, bei genauerer Betrachtung, eine enorme Wirkung auf das alltägliche Leben mit sich bringen. Nur leider, und das ist häufig bei kleinen, aber sonst qualitativ wertvollen Worten die Missgunst: es merkt keiner. Niemand bemerkt, welche weitreichenden Folgen Worte mit sich bringen, die, einmal gesagt, schon wieder verflogen und vergessen sind.
Zu allererst sollte man differenzieren: wer nun denkt, ich spräche von den philosophischen Meistern wie Kant, Nitzsche oder sonstigen historischen Wortakrobaten, täuscht sich. Ich spreche von dem Zauber der alltäglichen Worte. Worte, die man jeden Tag hört – die ins Ohr fließen, kurz erhört werden und verschwinden, jedoch soviel auslösen könnten. Ganze Lebensstile könnten umgekrempelt werden, würde man Worte vermehrt auf eine persönliche Goldwaage legen.

Meist sind es nicht einmal Metaphern oder Neologismen, die uns im Alltag begegnen und über die wir uns erst noch weitreichende Gedanken machen müssen, um ihren tieferen Sinn zu erkunden. Es sind keine schwierigen Wortzusammensetzungen, keine Fremdwörter, keine verschachtelten Sätze mit vielen, vielen Kommas, die das Lesen und Verstehen erschweren. Es sind die alltäglichen Worte, vergleichbar wie der verbale ‘Gute Morgen’, wie ein kleines ‘Gesundheit’, welches als Wort übrigens, wie oben beschrieben, sehr viel Nähe in sich trägt. Wer würde einem fremden Menschen im sozialen Umfeld schon einfach so eine Portion Gesundheit wünschen: „Herr Busfahrer, ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit. Schönen Tag noch und alles, alles Gute.“ Der Busfahrer wäre sehr erfreut über diese Empathie eines Fremden (zumindest, wenn er selbst ein freundliches Gemüt hat), über diese Freundlichkeit und Aufmerksamkeit bei soviel Missgunst, Neid und Krieg auf der Welt. Es wird ihm sicher ein Lächeln auf die Lippen zaubern.
Worte im alltäglichen Gebrauch sind ein ständiges Geben und Nehmen von Aufmerksamkeiten, schaffen Nähe und Verbundenheit. Die Worte, die dazu gebraucht werden, können soviel auslösen in einem Menschen, seinen Tag erhellen, würde er nur über die wahre Bedeutung dieses ausgesprochenen Wortes eines anderen, vielleicht Fremden, nachdenken.

Ein Lieblingsmensch von mir, den ich sehr schätze, sagte mir einmal zwei Worte. Zwei Worte, die er auslebt. Er ist die Ruhe in Person. Er ist derjenige, der in Stuttgart als ruhender Pol zwischen Schlichtern und Streitern agieren könnte. Er würde sich hinlegen und erstmal schlafen – danach sähe die Welt schon ganz anders aus.
Er sagte die Worte öfters zu mir, noch einmal und noch einmal. Zuerst nahm ich sie hin, zwei typische Worte sind es für Menschen in meinem Alter. Ein Anglizismus, der jedoch, nachdem ich mich vermehrt damit befasste, einen tieferen Sinn für mich ergab. Zwei Worte, die auf mich abgestimmt waren, die meine Euphorie, meinen Stress, welchen ich ab und an an den Tag legte oder meine Ungeduld im Keim erstickte, sobald ich sie hörte. Viel mehr als diese zwei Worte brauchte es ab dem Moment, wo ich die Erkenntnis erlangte, nicht mehr, um mich zum runterkommen zu bewegen und meine Nervosität abzulegen. Die mir Ruhe einflößen, die mich den Stress vergessen und tief durchatmen lassen. Jeder gestresste, nach Plänen lebende und durch Terminen festgelegte lebensferne Mensch sollte sich über die Bedeutung dieser zwei Worte einmal tiefergehende Gedanken machen und den Sinn dahinter für sich persönlich erkennen. Auch wenn dieser Moment der Umsetzung des Sinns schnell vorbei ist – jeder braucht ihn, einen verbalen Ruhepol, womit er in stressigen Situationen runterkommt und alles überdenkt. In diesem Sinne, liebe Welt:

Chill’ mal.