Ihre Luft und seine Erde.

by VivaVivaldi

Diese Liebe war anders. Sie wusste zwar nicht, wie sie vorher geliebt hätte, denn dieser Umstand war bisher noch nie eingetreten und doch wusste sie sofort, dass diese Liebe anders war. Und schon von Beginn an war sie sich sicher, dass es diese Liebe nur einmal geben konnte. Und genau darin lag die Magie der Einzigartigkeit, der Unberechenbarkeit und der Leichtigkeit, die diese Übereinkunft für sie unweigerlich mit sich brachte.

Wenn sich eine Wiederholung aufgrund der Einzigartigkeit ausschließt, dann kann es auch kein Ende, keinen Abschluss und keine Beendigung gegeben haben. Das wusste sie.  Sie hatte sich nicht nur in ihn verliebt, sondern auch in diesen Gedanken. Einzigartigkeit kennt keine Reputation. Sie ist nicht abhängig von bereits bekannten Strukturen. Sie versuchte nicht, die Liebe in Bekanntes einzuordnen. Viel zu sehr war sie damit beschäftigt, sich an der Unberechenbarkeit zu betrinken; und doch zählte sie jeden einzelnen Tag, summierte die Stunden ihrer Glückseligkeit und subtrahierte die Sekunden unglücklicher, aber unvermeidbarer, Umstände. Diese Liebe implizierte eine Leichtigkeit, die sie mit aufgeregten Flügeln in den siebten Himmel trug. Sie vertraute darauf; es war ihr Flug zum Glück, und immer, wenn er ihr die Hände reichte, wollte sie mit ihm davon schweben. Er folgte nicht. Er zog sie zu sich hinab. Auf den Boden. Ganz nah. Und dann flatterten ihre Flügel noch ein bisschen stärker. Jedesmal. Auch dann, wenn sie ihre Augen aufschlug und wenn sie sie wieder behutsam schloß.
Sie vermochte nicht, das Glück herauszufordern. Eine Herausforderung hatte letztlich doch immer ein festgelegtes Ziel und ein Synonym für Ziel war Abschluss. Sie rannte nicht mit ihm; sie ging. Langsam. Und er passte sich an. Sie wusste nicht, warum sie sich diese Stärke zu eigen machte. Sie war sich sicher, es gab in dieser Liebe kein Ziel. Es gab nichts, was sie hätten erreichen müssen. Sie brauchten sich nicht beeilen. Das Glück lag auf der unendlichen Strecke, die sie miteinander gingen.

Und doch hatte sie Angst vor genau dieser Strecke.
Und davor, diese Liebe doch berechnen zu können. Dann gäbe es eine Lösung. Und eine Lösung bedeutete ein Ende. Und sie hatte Angst davor, dass er seine Finger von ihren Händen löst, sie davonschweben lässt mit ihren flatternden Flügeln. Sie würde fallen. Sie würde hart aufschlagen. Auf den Boden. Auf den Boden der Tatsachen. Und sie hatte Angst davor, dass er anfängt zu rennen. Dorthin, wo sie nie wieder hinwollte. In fremde Arme. In die Realität. Jeder neue Tag, jede neue Stunde, jede neue Minute und jede neue Sekunde implizierte Angst und die immer wiederkehrende Gewissheit, dass sich jedes gesagte ‘Ich liebe Dich’ in dieser Zukunft verlieren könnte und sie keine Kraft mehr hätte, danach zu suchen.

Er ließ sie schweben. Er erhöhte sein Tempo. Er zählte die Stunden. Von Anfang an.