Vergangenheit vs. Zukunft.

by VivaVivaldi

“Es ist verdammt nochmal nicht so einfach, wie du es dir vorstellst!”
– “Dann erkläre es mir.”

“Ich kann es nicht erklären. Es geht nicht. Du weißt überhaupt nicht, wie sehr ich darunter leide. Wie sehr meine Leidenschaft danach ruft, schreit, sich sehnt, weil du diese Leidenschaft für Dinge einfach nicht besitzt. Das weißt du. Das hast du selbst gesagt zu mir. Hundert Prozent geben, immer, bei allem, was mir Spaß macht, was mir Freude bringt. Immer! – aber es fehlt einfach. Dieses Vermissen ist schrecklich und es ist kaum absehbar, dass ich diese Leidenschaft in naher Zukunft wieder bedienen kann. Du kennst dieses Gefühl nicht. Du nicht. Weil du immer alles erreicht hast. Weil du nicht kämpfen musst für diese Dinge. Weil sie dir zufliegen. Weil sie dir serviert werden. Du musst nichtmal aufstehen! Verdammt! Du kennst mich doch. Du weißt, womit ich mein Leben primär verbracht habe, wie loyal ich immer den Dingen gegenüber war, die mich glücklich gemacht haben und wieviel Freude und Glück ich durch sie erlangt habe und abgeben konnte. Und nun? Wem gegenüber bin ich nun loyal? Mir selbst gegenüber? Meinem Spiegelbild? Ach Gott, nein. Ehrlich. Ich habe mich über meine Leidenschaften definiert! Wer bin ich jetzt noch, ohne das, was mich ausgemacht hat, worin ich aufgegangen bin, wo ich wirklich gewusst habe, wer ich bin? Ich habe keine Aufgabe mehr. Keine scheiß’ Verantwortung. Nicht einmal mehr mir selbst gegenüber!
Es wäre mir absolut gleichgültig, wenn ich sterbe, denn wofür trage ich derzeit die Verantwortung? Für mich selbst? Ach, bitte. Ganz ehrlich? Nein, danke. Ich weiß, dass ich das sage regt dich sicher auf. Wegen Kleinigkeiten so eine Aussage?! Du fasst dir an den Kopf, klar. Ich habe nichts anderes erwartet. Warum auch? Aber du kannst das einfach nicht nachvollziehen, weil dir der Inhalt, der Sinn deines Lebens, nicht genommen wurde und wenn, dann hast du dir einen neuen Sinn gesucht oder dich von ihm suchen lassen. Aber ich will das nicht! Ich kann das auch nicht. Und damals dachte ich, das geht immer so weiter, immer weiter, und hört nie auf und ich habe diese eine, große Zukunft vor mir. Ich konnte soviel. Wo ist das bloß hin?! Sieh dich an; du, mir gegenüber, im Studium; ung, ohne Angst vor der Zukunft, ohne Sorgen, irgendjemand fängt dich immer auf, das weißt du auch, und irgendjemand schubst dich immer, klar, logisch. Aber ich falle, und ich kann mich nur alleine auffangen. Und ich muss immer selber den ersten Schritt gehen, ihn wagen und wenn dieser Schritt über eine Schlucht führt – bemerkst du diesen gottverdammten Kreislauf?
Jeden Tag kämpfe ich auf ein Neues, um irgendwann wieder den Weg zu erreichen, den ich eingeschlagen hatte und von dem ich runtergefegt wurde wie ein leichtes, kümmerliches Sandkorn! Ich jammer dir zuviel? Ja, natürlich. Mir wurde verdammt nochmal alles genommen. Ich darf jammern! Und natürlich haben es andere Menschen sehr viel schlechter als ich. Sicher. Aber auf diese Diskussion möchte ich jetzt nicht eingehen. Es geht hier nun endlich auch mal um mich. Soviel Egoismus darf ich anbringen. Endlich. Ich bin irgendwann auch mal wieder dran, mir ein Leben, mein Leben aufzubauen.
Natürlich. Die Situation hat sich wieder verbessert. Aber wofür? Wofür reiße ich mir meinen hübschen Hintern auf? Für eine eventuelle, potenzielle, wahrscheinlich vermutliche Karriere, die mir nicht einmal sicher ist? Für Geld? Für Anerkennung und Selbstverwirklichung? Das sind verschwendete Jahre und dafür bin ich einfach inzwischen zu ungeduldig. Und am Ende hat es dann vielleicht doch nicht gereicht. Und dann?
Aber hey – du kennst mich. Ich gebe nicht auf. Ich lasse mich nicht hängen, und mein Körper tut es auch nicht, auch wenn ich es mir manchmal wünsche, einfach umzukippen, um rauszukommen, um zu flüchten, um kurz meine Ruhe zu haben vor der Zukunft, die mich immer wieder überrundet und mich demotiviert zurücklässt – und mir zusätzlichAngst macht, dass ich sie nicht einholen werde. Fick Dich, Zukunft!”

– “Nein, mein Schatz. Fick Dich, Vergangenheit!”