Der Charakter vom Neid

by VivaVivaldi

Ich definiere:

Neid – Gefühl, das sich auf materielle Objekte bezieht.
Eifersucht – Gefühl, das sich auf Persönlichkeiten bezieht.

Beide Gefühle sind im Grunde jedoch gleich. Es wird einem bewusst, dass jemand, dem man nicht nahe steht, etwas besitzt, das man selber nicht besitzen kann. Das Problem dabei ist nur – und dadurch definiert sich das Gefühl – dass man diesen Besitz ebenfalls unbedingt will. Man gibt sich der Illusion hin, dass man diesen Besitz braucht, um genauso zufrieden zu werden, wie die fremde Person. Das ist eine grausame Spirale: Einerseits transferiert man die neu gewonnene Zufriedenheit des Fremden auf die eigenen Bedürfnisse und den individuellen Maßstab. Andererseits steigert sich auch die Missgunst, die diese unerreichte Zufriedenheit auslöst – dadurch entstehen Vorurteile und demnach auch das Verlangen, diesen Fremden nicht kennenlernen zu wollen, was wiederum eine Kluft zwischen dem Zufriedenen und dem Unzufriedenen herstellt, sodass kein Kompromiss gefunden werden kann, denn man glaubt es kaum, doch viele Menschen teilen ihren emotionalen Reichtum gerne mit anderen, weil es sie selber erfreut.

Ist es jedoch eine Person, die jemandem nahe steht, zu der man eine gewisse Zuneigung hegt, dann spürt man diese Gefühle nicht mehr. Man gönnt seinem Freund diesen Besitz, man erfreut sich an seiner Freude und Zufriedenheit, weil man weiß, dass man an dieser Freude aktiv teilhaben darf.
Es gibt Menschen, die erfreuen sich vollkommen daran, anderen Menschen eine Freude zu bereiten. Sie lieben das Gefühl, andere Menschen, die es ihrer Meinung nach absolut verdient haben, glücklich zu machen. Und – und das zeichnet sie ganz besonders auf – sie erwarten nichts als Gegenleistung, sondern gehen darin auf, die Erkenntnis zu haben, jemand anderen glücklich werden zu lassen durch ihr Zutun. Es reicht ihnen, zu wissen, dass diejenigen Menschen, die sie glücklich gemacht haben, existieren und immer für sie da sind.

Manchmal jedoch, ja, manchmal – da sitzen auch sie in ihrem Zimmer und weinen. Sie weinen, weil es eben doch nicht reicht, sich ständig nur für andere aufzuopfern und die eigenen Wünsche zurückzustellen. Denn keiner merkt, dass man selbst auch zufrieden und sogar glücklich werden möchte, wenn alle anderen um einen herum ebenfalls vor Glückseligkeit strahlen. “Mach glücklich, was dich glücklich macht.” – Bedingungslos?

Und manchmal, da fragt man sich, ob Neid nicht doch angebracht ist. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine gewisse Apathie und Traurigkeit gegenüber der Zufriedenheit der anderen,- man kann sich einfach nicht mehr in dem Maße daran erfreuen, wie man es gerne würde.

Man hat das Gönnen und die daraus resultierende Freude verlernt, weil man selber nichts besitzt, auf das andere Menschen neidisch sein könnten. Immer gönnt man, und gönnt man, und man selbst bleibt zurück.

Man verlernt es, sich mitzufreuen, da man schon lange selber keine wirkliche eigene Freude mehr gespürt hat. Man vergisst das Gefühl des Glücks und wenn es dann da ist, dann reicht es einem nicht – andere sind schließlich noch ein wenig zufriedener. Der eigene Maßstab wird, je mehr man von fremder Zufriedenheit und Freude umgeben ist, immer weiter nach oben gesetzt – man will Anschluss haben und es kommt einem lächerlich vor, sich über kleine Dinge zu erfreuen, auf die ein anderer überhaupt nicht neidisch sein kann, da es nach seinen Maßstäben keinerlei Grund für ein Mitfreuen gibt.

Und daraus muss man ausbrechen. Man muss sich an den kleinen Dingen des Glücks erfreuen, die man in seinem Maßstab gesetzt hat, und es vollkommen vermeiden, Neid bei anderen hervorrufen zu wollen. Denn dadurch kann man niemals glücklich werden.