Der Maßstab aller Dinge

by VivaVivaldi

Ich habe vor kurzer Zeit ein anregendes Gespräch mit einer für mich sehr inspirierenden Person geführt, die es schafft, mir Denkanstöße zu geben.

Im Vergleich zu meiner finanziellen, sozialen und privaten Situation sei es lächerlich, dass sie sich über ihre meist nur kurzzeitigen Steitereien und Probleme mit ihrer Familie und in ihrem Umfeld aufrege und diese Probleme sie stören. Bemessen an meiner Situation sei diese “Aufregung jedoch vollkommen übertrieben und überflüssig und sowieso unnötig”, da ich es doch viel viel schlechter hätte als sie und sie es sich eigentlich nicht anmaßen dürfte, sich über sowas eigentlich banales aufzuregen.
Aber sie tat es und das meiner Meinung nach auch zu Recht.

Diese Schuldgefühle sind normal, wenn man mit jemandem Kontakt hat, den es schlechter getroffen hat. Sei es, dass er keine Familie hat, finanziell um jeden Cent kämpfen muss oder ähnliche Problematiken in seinem Leben berücksichtigen muss, die vielleicht nicht direkt durch ein Gespräch oder ein paar Stunden Ruhe zu lösen sind. Das Leid, was auf der Welt herrscht – seien es Hungernöte oder Kriegszustände, politische Verfolgungen, Lebensumstände, die wir uns hier im reichen und sicheren Deutschland nie wirklich vorstellen können und wir uns das meiner Meinung nach auch nicht einmal annähernd anmaßen dürften – ist häufig ebenfalls ein Grund, dass wir Schuldgefühle haben. Darum spenden wir,- um unser Gewissen zu reinigen und – und das ist viel mehr der Grund – weil wir deren (in unseren Augen) Leiden an unserem eigenen Lebensmaßstab und Lebensstandard messen.

Aber müssen wir das wirklich?
Nein, absolut nicht. Jeder Mensch lebt im Rahmen seines eigenen Maßstabes und gewöhnt sich auch an diesen. Das bedeutet, dass derjenige, der sich über einen kleinen familiären Streit enorm aufregt, sich einen anderen Maßstab in diesem gewöhnlich stabilen familiären Umfeld setzt als derjenige, der ohne Eltern aufgewachsen ist.

Wir maßen uns heutzutage allesamt an, darüber urteilen zu können, was andere Bevölkerungen, Kulturen und Standards wirklich brauchen, um mit uns mithalten zu können. Wir wollen sie an unserem individuellen Maßstab anpassen, um unser Gewissen zu beruhigen. Das ist reiner Egoismus. Natürlich ist es sozial, seine Hilfe zu leisten, in dem man spendet, Grundnahrungsmittel sichert, Subventionen und Hilfsgüter in die armen Länder schickt, – aber auch das ist bemessen an unserem Überfluss, den wir hier in Deutschland pflegen. Die Menschen dort messen ihr zukünftiges und gegenwärtiges Leben an ihren vergangenen Lebensstandards, an die sie sich gewöhnt haben und deswegen sind übertriebene Schuldgefühle auch nicht angemessen.

Um das nochmal auf die Szene oben zurückzukommen – auch ich habe ihr daraufhin gesagt, dass ich mich eben an meine Situation gewöhnt habe und sie absolut kein schlechtes Gewissen haben braucht. Ihr Maßstab ist in diesem Fall eben, dass es sonst kaum Problematiken in ihrer Familie gibt und ein Streit eben die Ausnahme darstellt und deswegen für sie so dramatisch und aufregend erscheint – ich für meinen Teil setze in der Form eben einen Maßstab, der Familie in gewisser Hinsicht nicht mehr berücksichtigt.

Es gibt immer jemandem, dem es schlechter geht als einem selbst. Die Kunst dabei ist nur, zu erkennen, dass jeder für sich einen individuellen Maßstab in seinem Leben setzt und sich mit diesem (meistens) auch identifiziert. Das muss man verinnerlichen und vorallem auch bei seiner Gewissensbildung berücksichtigen.